autismus

Versunken in Isolation

Autismus ist immer noch ein Phänomen. Der Besuch beim „Rainman“ von nebenan zeigt aber auch Chancen auf

Raymond sitzt am Steuer des 49ger Buick-Roadmaster-Cabriolet, seinen Blick ins Leere gerichtet, und spricht wie ein Automat vor sich hin: „Ich bin ein ausgezeichneter Fahrer, mein Daddy lässt mich jeden Sonnabend langsam in der Auffahrt herumfahren. Heute ist Montag – ich fahre den Wagen am Sonnabend, niemals am Montag. Ich bin ein ausgezeichneter Fahrer.“ Der smarte Yuppie Charlie scheucht den „Irren“ unsanft aus seinem Auto: „Komm schon, komm schon, ich hab‘ keine Zeit für diesen Scheiß!“

Nach dieser ersten Begegnung zweier ungleicher Charaktere in dem Barry-Levinson-Film „Rainman“ hat Charlie dann doch Zeit. Der von Tom Cruise gespielte Vertreter der amerikanischen Ellbogengesellschaft erfährt, dass dieser Mann, der im Pflegeheim „Wallbrook“ für geistig Behinderte lebt, Haupterbe der drei Millionen Dollar aus dem väterlichen Nachlass ist – und sein Bruder. Der Autist Raymond – dargestellt von Dustin Hoffman – wird von Charlie entführt, weil dieser sich seinen Erbanteil erstreiten will. Dabei lernen sich zwei Männer aus verschiedenen Welten kennen und lieben. Die Fahrt im offenen Oldtimer durch die entlegensten Winkel der USA wird zu einer Reise in die bislang fast unbekannte Welt eines Autisten.

„Du darfst niiiemals während der Fahrt aussteigen – sonst kommst du ins Krankenhaus! Du darfst niiiemals vom Dach springen – sonst kommst du ins Krankenhaus!“ Andreas wiederholt immer und immer wieder die Verhaltensmaßregeln, die ihm die Menschen „da draußen“ beibringen wollen und die doch so schwer zu verstehen sind. Warum darf man zum Beispiel nicht einfach jeden Fremden küssen? Andreas Bartels (Name geändert) liebt es, in dem Ford Taunus seines Vaters zu sitzen.  Der 19jährige Autist fühlt sich in seinem „Faradaykäfig“ sicher vor Bedrängnissen.  Jeden Sonnabend besteht er darauf, das Auto zu putzen – von innen, Türen und Fenster fest verschlossen. Hingebungsvoll wienert er die Scheiben, umklammert mit seinen Händen das Steuerrad und jauchzt: „Jetzt geht aber die Power los!“

In diesem Sicherheitsbereich kann er steuern, ob er in seinen Phantasien versinkt und die Außenwelt mit völliger Nichtbeachtung straft oder ob er sie mit sehnsüchtigem Blick zur Kontaktaufnahme herausfordert. Geht jemand draußen auf ihn ein, dann ist Andreas selig und strahlt begeistert. Die Welt dort hinter der Glasscheibe ist so schwer zu durchschauen, sie ist voll verwirrender Reize, komplizierter Gefühle und schwieriger Zusammenhänge. Warum sind Menschen einmal so und dann plötzlich wieder ganz anders? Und wie kommt die Brause in eine fest verschlossene Flasche?

Andreas Leben ist ein einziges Ritual: Punkt 6.20 Uhr Aufstehen, 6.25 Uhr Frühstück: zwei Scheiben Brot, eine Tasse Kakao. Um 7 Uhr muss der Schulbus kommen, und abends Punkt halb acht hat das Abendbrot auf dem Tisch zu stehen. Dienstags macht er immer den Abwasch, Mittwoch ist Therapietag, sonnabends wird das Auto geputzt und sonntags gebügelt. Jede Abwechslung von dieser Routine macht Andreas nervös, bis er schließlich zu toben anfängt. Auch Ampeln haben ihre Ordnung: die Farben Rot, Gelb und Grün. Andreas kennt das genau. Doch zeigt eine Ampel keine dieser Farben an, bleibt er wie angewurzelt stehen – bis man ihn abholt. Dass eine Ampel auch mal ausfällt, kann er sich einfach nicht vorstellen.

Raymond Babbit zieht seine Unterhose aus der Jackentasche: „Dies sind nicht meine Boxershorts, ich trage nur Boxershorts aus dem Einkaufszentrum in Cincinnati.“ Immer wieder bohrend, fordert Raymond Shorts aus dem Einkaufszentrum in Cincinnati bis Charly ausflippt: „Welchen Unterschied macht das, in welchem Einkaufszentrum du Unterwäsche kaufst, Unterwäsche ist Unterwäsche!“ schreit er heraus. „Dieser Autismus ist ein Haufen Scheiße!“

Autistische Störungen entstehen vor der Geburt oder in den ersten drei Lebensjahren. Diese Probleme in der Verarbeitung von Sinneswahrnehmungen kommen nur bei etwa fünf von zehntausend Kindern vor. Dabei können diese Kinder durchaus sehen, hören, riechen, schmecken, tasten – nur können sie mit den Einzelinformationen nichts anfangen. Bei ihnen kommen die unterschiedlichen, ständig wechselnden Sinnesreize ihrer Umwelt als undefinierbarer Brei an, in dem sie kein System, keine Ordnung erkennen können. Die Fähigkeit gesunder Kinder, aus den Sinnesreizen das für ihre Orientierung Wichtige herauszufiltern, fehlt autistischen Kindern.

Ihr zentrales Nervensystem wird mit Reizen regelrecht bombardiert. Die „gesunde“ Abwehrreaktion: Das überforderte Kind zieht sich zurück in eine eigene Welt, baut gleichsam eine Wand aus Panzerglas um sich, die ihm Sicherheit und innere Ruhe verschafft. Es orientiert sich an Gegenständen, an Dingen, die eine Ordnung darstellen, die immer gleich sind. Das Menschliche mit seinen wechselnden, unkalkulierbaren Stimmungslagen nehmen sie einfach nicht wahr. Teilnahmslos schauen sie selbst an ihren Eltern vorbei oder mit leerem Blick durch sie hindurch. Sprache ist zunächst für sie eine bedrohliche, sinnlose Aneinanderreihung von Lauten.

Die Spielregeln unserer Gesellschaft sind ihnen viel zu undurchsichtig, um sich diesem Stress auszusetzen. Stattdessen führen autistische Kinder immer wieder dieselben stereotypen Bewegungen aus – ausdauernd und in gleicher Weise. Diese sensiblen, brüchigen Seelen begeistern sich für alles, was „funktioniert“, alles, was „berechenbar“ ist. Ob sie nun Zahlen in ihrem Kopf ordnen oder ständig alles mit einem Plastikhammer traktieren, ob sie nun stundenlang ganz bestimmte Muster betrachten oder ununterbrochen den Lichtschalter betätigen – es ist ihre Möglichkeit, sich auszudrücken, sich immer wieder zu bestätigen: Es ist noch alles in Ordnung. Das Manche sich selbst schlagen oder gar mit dem Kopf gegen die Wand donnern, zeigt ihre Sehnsucht, sich selbst zu spüren. In der Panik ihrer Verlorenheit wollen sie fühlen: Ich bin noch da.

Erklärungsversuche zum Autismus gibt es viele (siehe Kasten). Dennoch ist er eigentlich keine rätselhafte Erscheinung. Autismus ist komplex. Genetische, organische oder psychologische Ursachen – sie alle kommen als Auslöser für ein einziges, aber vielfältiges Symptombild in Frage: die Weise, wie sich autistische Verhaltensstörungen zeigen. Die Bandbreite der Auslöser und die oft so trügerisch guten Fähigkeiten autistischer Kinder machen die Diagnose so schwierig. Es gibt also weder „die“ Autismus-Theorie, noch „das“ Standardrezept für eine Therapie.

„Die Behandlung muss auf jeden der kleinen Patienten speziell abgestimmt werden“, sagt Psychologe Hartmut Janetzke, Leiter des „Hamburger Autismus Instituts“. In dieser Einrichtung betreut man autistische Kinder und Jugendliche mit der dort entwickelten „Differentiellen Beziehungstherapie“. „Wir bieten uns selbst als eine Art attraktiv lockenden Gegenstand an, um aus der Wahrnehmungsperspektive der Kinder interessanter zu werden als fesselnde Gegenstände“, erläutert Hartmut Janetzke. „Wir fördern ihr Interesse, indem wir, weit mehr als es außerhalb der Therapiesituation möglich ist, auf die Bedürfnisse der Kinder eingehen und sie trotz ihrer Defizite und Normabweichungen uneingeschränkt akzeptieren. So bekommen auch extrem kontaktarme Kinder die Chance zu der neuen Erfahrung: Es lohnt sich, sich mit Menschen zu befassen, Lernen macht Spaß.“

Diese „Eintrittskarte“ eröffnet dem Therapeuten den Zugang in die hermetisch abgeschlossene Welt eines autistischen Menschen, um dann gemeinsam mit ihm seinen Weg in unsere Welt zu finden. Und viele der Betroffenen finden ihren Weg. Sie machen ihren Abschluss am Gymnasium oder in der Berufsausbildung und gestalten ihr Leben selbstverantwortlich. Auch wenn es nur bei knapp einem Drittel der Kinder gelingt, sie so weit zu bringen, dass sie später kaum noch Unterstützung brauchen, so zählen für die Therapeuten auch kleine Erfolge – wenn beispielsweise der Umgang mit einem extrem unzugänglichen Kind im bescheidenen Rahmen möglich wird und es nicht hinter einer Anstaltsmauer verschwinden muss. Die Therapien sind meist mühsam und langwierig. „Autismus ist kein Feld für therapeutische Geschwindigkeitsrekorde“, betont Hartmut Janetzke.

„Leider gibt es keine Gebrauchsanweisung für einen Autisten“, sagt Andreas Vater und lächelt, dann taucht Verbitterung in seinem Gesicht auf. „Wir sind total enttäuscht, dass Andreas nicht frühzeitig, als es noch fruchten konnte, gefördert wurde. Was hätte aus ihm werden können? Jetzt kann man nur noch wenig bewirken“, sagt er resigniert. Dabei hatten seine Eltern schon einmal Hoffnung. Nach einem langen Irrweg durch Behörden, Institute und Arztpraxen, im Laufe dessen Andreas als „Spätentwickler“ eingestuft wurde, kam er mit acht Jahren in ein Modell-Schulprojekt. Seine Therapeutin von damals: „Andreas hat ein solches Lerntempo vorgelegt, dass wir kaum mit Lehrmaterial nachkamen. Ich war selbst erstaunt, wie schnell ein autistisches Kind sich öffnen kann, wenn die Bedingungen stimmen.“

Doch die Bedingungen stimmten nach zwei Jahren nicht mehr: Aus finanziellen Gründen war der Modellversuch beendet. Der Zehnjährige, der endlich sprechen und bis zweihundert zählen konnte, kam in eine Schule für geistig Behinderte. Aufgrund seiner abweichenden Verhaltensweisen wäre Andreas dort vielleicht richtig aufgehoben, von seiner Intelligenz aus gesehen aber völlig falsch. Er wurde ständig unterfordert und flüchtete sich wieder in die autistische Isolation zurück. „Andreas war wie eine Rose, die sich gerade entfaltet, aber dann plötzlich verblüht“, sagt seine Mutter.

„Ray, musst du das wirklich jedes Mal machen?“ fragt Charlie. „Wer ist der Name des Burschen beim ersten Mal. Wer ist der Name des Burschen beim zweiten Mal? Wer? Ich will doch bloß den Namen des Burschen beim ersten Mal rauskriegen. Was ist mit dem zweiten Mal?“ Raymond steht zusammengesunken vor dem Motel und wiederholt dieselben Worte, die er vor jedem neuen Hotelzimmer herunterbetet. „Schon gut Ray, wir werden dein Bett ans Fenster stellen, wie du es gern hast, wir haben deinen Apfelsaft, wir werden Schreiber und Papier rauslegen. – Was ist, habe ich etwas vergessen?“ „Die Käsekugeln. Käsekugeln, ich muss zwölf Käsekugeln haben“, sagt Raymond erregt.

Andras Bartels hatte früher extreme Veränderungsängste. Bei jeder neuen Situation ging er an die nächste Tür, packte den Türgriff und machte die Tür auf und zu, auf und zu, immer wieder. Das war seine Art, sich zu sagen: Das bekomme ich in den Griff. „Aus therapeutischer Sicht sind solche Handlungsweisen nicht sinnlos“, erklärt Susanne Runge, die Andreas damals im Modellschulprojekt unterrichtete und heute im „Hamburger Autismus Institut“ therapiert. „Solche Zwangshandlungen haben eine wichtige Funktion; auch wer autistisch reagiert, lässt eigentlich immer erkennen, was in ihm vorgeht. Wir müssen nur genau beobachten und herausfinden, welches Bedürfnis hinter weicher Stereotypie steckt. Vielleicht hat er mit einem kaum wahrnehmbaren kurzen Blick gezeigt, dass irgendein Gegenstand sein Interesse weckt, seine Angst ihn aber blockiert. Zusammen mit den Betroffenen gehen wir auf die Suche nach ihren verborgenen Wünschen, die sie selbst nicht richtig kennen, auf die Suche, sich selbst in den vielen Reizen zu finden“, sagt die Therapeutin. „Denn wenn man sich selbst nicht erkennt, dann wird man ein Nichts. Öffnet sich dann ein vollkommen isolierter Mensch, hat man manchmal das Gefühl, man bringt ihn neu zur Welt.“

Diskoabend im „Hamburger Autismus Institut“. Fetzige Hits donnern aus den Lautsprechern, Scheinwerfer flimmern rotierend, über die Tanzfläche ziehen künstliche Nebelschwaden. Ein junger Mann steht mit gespreizten Beinen da, schaukelt mit dem Oberkörper hin und her, mechanisch, wie ein Roboter. Ein Pärchen dreht sich langsam, schaut mit abwesendem Blick an einander vorbei, berührt sich nur ganz vorsichtig mit den Fingerspitzen. Im schweißnassen poppigen T-Shirt hüpft ein Junge mit großen Schritten und wuchtigen Armbewegungen im Takt der Musik. Sich an den Händen fassend, dreht sich eine Gruppe im Kreis. Im Treppenaufgang sitzt ein Paar, die Arme umeinander gelegt, und schaut sich liebevoll in die Augen.

Im Diskokeller ist alles möglich, schmusen oder weinen, sich amüsieren oder allein sein. Nur eines wird man hier nicht finden: die Rituale, die in einer „normalen“ Disko vorgeführt werden. Niemand, der sein wahres Gesicht cool hinter einem Whiskyglas, hinter einer Parfümwolke und Schminke versteckt. Gefühle oder Vereinsamung, die von „Gesunden“ so geschickt mit einer Rolle, als sei man über alles erhaben, überspielt werden, das gibt es hier nicht. Autisten spielen keine Rollen, sie sind nicht einmal fähig zu lügen – soweit reicht ihre Phantasie nicht. Sie sind, wie sie sind, basta.

Der junge Mann, der sich durch das Jahrmarktsgetümmel des „Hamburger Dom“ schiebt, fällt eigentlich nicht besonders auf. Wie viele in seinem Alter geht der 25jährige Michael Sander (Name geändert) gern in die Disko, hört viel Popmusik, schaut sich Autorennen an und begeistert sich für Motorräder – ein durchschnittlicher junger Mann. Doch auch Michael ist Autist, genauer gesagt: ist auf dem besten Wege, seinen Autismus abzulegen. Früher hatte er panische Angst vor Menschen und schreckte bei jeder unvermittelten Bewegung, bei jedem plötzlichen Geräusch zusammen. Heute bewegt er sich problemlos durch Menschenmengen und lauten Kirmesrummel, geht zielstrebig auf die Bahn mit den riesigen Horrorfiguren zu. Michael fährt mit seinem Freund Frank, der auch Autist ist, begeistert Geisterbahn. In dem dunklen Tunnel der Bahn heult es und kracht, Gerippe klappern, das Kunstblut fließt in Strömen, aber Michaels große Augen leuchten, sein schmales Lippenbärtchen hüpft vor Freude – Angst, das war einmal.

Dass er anders war als die anderen Kinder, bemerkte seine Mutter bereits im Kleinkindalter. Doch die Ärzte meinten, es gebe sich schon wieder, er sei doch ein intelligentes Kind.  Michael hatte eine phantastische Gabe, mit Geschicklichkeitsspielen und farbigen Puzzeln umzugehen, aber alltägliche Handlungen wie Essen, das Binden von Schnürsenkeln und Ankleiden musste seine Mutter mühevoll mit ihm einüben. Eigenartig war: Entweder konnte Michel etwas außergewöhnlich gut oder gar nicht.

Wenn er irgendwo fremd war, half er sich aus seiner Unsicherheit, indem er Gegenstände zählte. So lernte er schnell rechnen. Mit vier Jahren beherrschte er bereits alle Grundrechenarten, konnte lesen und schreiben. Trotzdem verließ er bereits sechs Wochen nach der Einschulung die Klasse. Er hielt das Zusammensein mit vielen anderen Kindern nicht aus und geriet in Panik. Erst nach diesem Zusammenbruch wurde festgestellt, dass Michael autistisch ist. Nach einem Krankenhausaufenthalt kam er aber wieder in die normale Schule zurück und schloss später mit der mittleren Reife ab. Er übersprang sogar zweimal die Klasse, denn seine Lehrer waren völlig verzweifelt: Fächer, die ihn interessierten, beherrschte er bereits, aber beim Unterricht, der ihn langweilte, hörte er nicht zu. Und was er nicht begreifen wollte, lernte er notfalls auswendig, denn das konnte er meisterhaft.

Geradezu ein Genie ist Michael im Umgang mit Zahlen. Er liebt die Verdoppelung. Fängt er an, die Zahl eins zu verdoppeln und immer wieder mal zwei zu nehmen, dann endet sein Kopfrechenkunststück bei der Zahl 1073741824. Zurzeit hat es ihm das duale Zahlensystem, mit dem die Computer rechnen, angetan. Seit vier Jahren arbeitet er an einem Zahlenwerk, das bisher aus vier Aktenordnern besteht. Darin sind 1 868 Seiten abgeheftet, dicht an dicht mit komplizierten Zahlenreihen vollgeschrieben, die er aus dem dualen Rechensystem entwickelt hat. Michael hat ausgerechnet: Etwa im Jahre 1992 ist er bei 65536 angekommen, aber dann will er aufhören.

Diese Zahlenakrobatik wäre einen Eintrag in das „Guinness-Buch der Rekorde“ wert. Doch Michael macht sich nicht die Mühe, um in der Hitparade der Rekorde genannt zu werden – er ist einfach nur von Zahlen fasziniert. Sie sind ein wichtiger Teil seiner Weit, der Welt der Logik, der Gesetzmäßigkeiten. Der Aufbau des Hamburger S-Bahnnetzes, die Systematik der Spielautomaten sind Teile in dem gesamten Ordnungssystem Michaels. Aber auch Töne und Musik. Er hat die seltene Gabe, jede Tonhöhe exakt herauszuhören. Michael, der singen konnte, bevor er zu sprechen anfing, leistet mit seinem absoluten Gehör Erstaunliches: „Bei Stücken der Popgruppe ‚Modern Talking‘ höre ich, dass die immer einen viertel Ton zu hoch spielen“, erzählt er „Und ich erkenne an der Tonhöhe der S-Bahn, mit welcher Geschwindigkeit sie fährt.“ Auf seiner Geige oder der elektronischen Orgel spielt er eine ihm neue Melodie auf Anhieb nach, selbst wenn er sie er nur einmal gehört hat.

„Raymond, wissen Sie, wie viel die Quadratwurzel aus 2130 ist?“ fragt der Psychiater. Raymond Babbit leiert eine Zahlenreihe herunter: „Vier – sechs – Komma – eins – fünf – eins -neun – zwei – drei – null – vier.“ Einen Moment später erscheinen diese Zahlen auch auf dem Taschenrechner des Psychiaters. „Er ist ein Genie! Das ist doch unglaublich, der sollte für die NASA arbeiten“, ruft Charlie aus. „Wenn Sie einen Dollar haben und fünfzig Cent ausgeben, wie viel Geld haben Sie dann übrig?“ fragt der Psychiater weiter. Nach einer langen Denkpause antwortet Raymond: „Etwa siebzig Cent.“ Charlie sinkt in sich zusammen. „War wohl nichts mit der NASA“, sagt er.

Michael Sander macht eine Ausbildung als Bürokaufmann. Ersteht als Autist mitten im Leben, aber das reicht ihm nicht ganz. Seine bohrenden Fragen drehen sich immer um ein Thema: Kann man als Autist ein normales Leben führen, normal heiraten, normale Kinder bekommen? Dass es Professoren gibt, die einmal Autisten waren, und dass sogar der Dekan einer weltberühmten amerikanischen Universität auch einmal autistisch war, reicht Michael als Beweis nicht aus. Er will es mit eigenen Augen bestätigt sehen.

Über die Zukunft unterhält sich Michael am liebsten. Sein größter Wunsch ist eine Freundin, mit der er seinen Traum von einem harmonischen Leben verwirklichen kann. „Schicke Mädchen muss ich dauernd anschauen“, sagt Michael mit einem unbekümmerten Lächeln, „und je mehr Bein sie zeigen, desto interessanter sind sie.“ Nach jedem Satz strahlen seine Augen und seine Mundwinkel hüpfen verschmitzt nach oben. Michaels Optimismus ist ungebrochen, als ob es die schlimmen Erfahrungen seiner Kindheit nicht gegeben hätte.

Dass Michael heute soweit ist, hat er nicht nur einer intensiven Therapie zu verdanken, sondern auch seiner Mutter. Oft musste sie mit ihm Verhaltensmuster einüben, ihr total verängstigtes Kind wieder aufbauen und motivieren oder den vor Wut tobenden kleinen Kerl besänftigen. „Dabei hilft nur Phantasie, mit Vernunft kann man einem Autisten nicht kommen“, sagt sie. Und manchmal traf sie auch die unverhohlene Wut ihrer Mitmenschen. Äffte Michael in der Bahn sein Gegenüber nach, ohne die moralischen Schranken und die nötige Distanz auch nur im geringsten zu begreifen, entlud sich der Volkszorn. „Erziehen Sie ihre verzogene Göre erst mal!“, empörten sich die Leute.

Frau Sander ließ sich nicht beirren, sie hat ihr Kind immer so akzeptiert, wie es war, mit all seinen Eigenheiten, ohne an ihm herumzumäkeln, ohne ihm die Spielregeln unserer Gesellschaft aufzuzwingen. Sie sagt: „Jeder hat das Recht, auf seine Art glücklich zu werden, und wir haben nicht das Recht, ihn in fremde Normen zu pressen. Schließlich ist jeder Mensch etwas Besonderes!“

 

KASTEN:

Dem Rätsel Autismus auf der Spur

Erstmals beschrieb der Forscher Leo Kanner 1943 diese tiefgreifenden Beziehungs- und Wahrnehmungsstörungen und nannte sie „frühkindlichen Autismus“. Der amerikanische Kinderpsychiater meinte damals, dass autistische Kinder durch die Gefühlskälte ihrer Eltern in die innere Isolation getrieben werden, sodass sie niemanden an sich heranlassen. Doch Kanner hat sich inzwischen korrigiert und geht heute davon aus, dass Autismus auch andere Ursachen haben kann – und davon gibt es viele.

In einer anderen Variante nimmt auch der Psychoanalytiker Bruno Bettelheim an, dass das autistische Kind durch die „emotionale Unterkühlung“ seiner Umwelt geprägt ist. Durch starke Unter-, aber auch Überforderung empfängt das Kind keine adäquaten Reaktionen aus seiner Umgebung und gelangt zu der Ansicht, „dass die eigenen Bemühungen keinen Einfluss auf die Welt ausüben“. Allerdings: Gegen eine „Schuldzuweisung“ an die Eltern autistischer Kinder spricht vor allem, dass ähnliche Schwierigkeiten bei ihren Geschwistern äußerst selten sind.

Andere Wissenschaftler sehen die Ursache für Autismus hauptsächlich in einer Entwicklungsstörung kommunikativer Fähigkeiten. Autistische Kinder können nicht die Sprachstruktur von Sätzen erfassen; sie plappern Sätze nach (meist den letzten Teil davon), gleichviel ob diese einen Sinn ergeben oder nicht. Aus anderen Untersuchungen kann man wiederum das Folgende ableiten: Die Fähigkeit eines normalen Kindes, aus komplexen multidimensionalen Assoziationen zu lernen, ist bei Autisten gestört – sie können deshalb keine sozialen Fähigkeiten entwickeln. Da autistische Kinder aber auch kaum ihre Gestik einsetzen, um zu kommunizieren, glaubt eine Reihe von Psychologen daran, dass die Ursache für Autismus in einem unglücklichen Zusammentreffen von Funktionsstörungen der Sprache, Gestik, Wahrnehmung und Motorik zu suchen ist.

Eine weitere Theorie: Autistische Kinder sind eigentlich missglückte Genies. Sie waren in ihrer Entwicklung soweit fortgeschritten, dass sie bereits vor dem eigentlichen Geburtstermin „bereit“ waren, geboren zu werden. Die erste wichtige Prägungsphase erlebten sie in der Monotonie und mangelnden Stimulation des Mutterleibs. Die Folge: Ihre Emotionalität, ihre Wahrnehmung und ihr soziales Verhalten sind beeinträchtigt. Auch andere Forscher gehen davon aus, dass Autisten eigentlich zu höheren Dingen bestimmt sind. Doch durch die genetische günstige Prägung dieser Kinder sind sie auch anfälliger für eine Schädigung der „Formatio reticularis“, eines Netzwerks von Neuronen im Zentrum des Hirnstamms. Das Gehirn wird dann ständig in einem Zustand verminderter oder erhöhter Erregung gehalten. Der Zusammenhang vonneuen Stimulationen und gespeicherten Erfahrungen kann kaum hergestellt werden, und das Kind ist nicht in der Lage, eine umfassende Ordnung für sich herzustellen.

Möglicherweise ist Autismus auch eine fundamentale Reifestörung, die durch eine Komplikation vor oder während der Geburt hervorgerufen wurde, beispielsweise eine Schädigung des Kleinhirns durch Sauerstoffmangel. Für eine andere Vermutung, dass nämlich Strukturveränderungen des X-Chromosoms für Autismus verantwortlich sind, spricht die Tatsache, dass Autismus viermal häufiger bei Jungen vorkommt als bei Mädchen, die bekanntlich zwei X-Chromosomen haben.