flying safari

Namibia im Schwebezustand

Fullspeed über Wüste und Meer. Stop-over im grenzenlosen Dreamland. Im Tiefflug über Riesen-Dünen und die Victoriafälle. Afrikas Krönung. Eine Safari, die high macht!

Der Schatten unserer Cessna tanzt, flirrt und wabert in einem Meer von leuchtenden Gelbtönen. In dem samtweichen Gras-Teppich, der die Ebene unter uns bedeckt, trotten einige Strauße vor unserem brummenden Vogel davon. Und dann liegen sie vor uns, die größten Dünen der Welt. Zunächst als riesige rote Mauer, dann als weiche wiegende Wogen aus Sand. Wir fliegen in den Sesriem Canyon hinein. Im Frühjahr plätschert dort der Tsauchab-Fluss gemächlich zwischen den riesigen Sandbergen dahin, wird immer weiter eingeengt, bis ihn die wandernden Sandmassen einschließen. In einer weißgrauen Tonpfanne namens Sossusvlei, 50 Kilometer vom Atlantik entfernt, endet der Tsauchab, versickert, verdunstet, haucht sein Leben aus – erdrückt von der Wüste Namib.

Wir überfliegen einen der schönsten Plätze Namibias. Die Dünen von Sossusvlei sind mit ihrer majestätischen Höhe von 32 Metern nicht nur Treffpunkt von Freaks aus aller Welt, die mit ihren Snowboards die Sandhänge hinabwedeln. Im Abendlicht, wenn sich die Dünen glutrot, dunkelviolett, leuchtend orange färben, findet man die Genießer. Im Schatten der wenigen Kameldomakazien beobachten sie den Zug der OryxAntilopen zum Wasserloch. Oder sie prosten oben auf dem schmalen Kamm der Düne mit einer Flasche südafrikanischen Weins dem Sonnenuntergang zu. Gibt es etwas Schöneres? Ja, der grandiose Blick aus einem Flieger: Die Dünen sind zum Greifen nah, ziehen an uns vorbei wie ein kolossales Breitbandpanorama. Ihre archaischen Formen und Farben verschieben sich immer wieder zu neuen Bildern.

Wir fliegen mit zwei Cessna 210 zu den schönsten Regionen Namibias. In sieben Tagen: NamibWüste, Damaraland, Etosha, Caprivi und zu den Viktoriafällen in Simbabwe. Bereits eine Stunde nach dem Abflug von Windhoek sind wir im Namib-Naukluft-Park, dem größten Naturschutzgebiet Namibias. Im Tiefflug jagen wir über den kilometerbreiten Strand. Mitten im Nichts: verfallene Hütten und verrostete Schürfanlagen. Kurz nach der Jahrhundertwende hatten deutsche Glücksritter auf damaligem Kolonialgebiet die Suche nach Diamanten begonnen. Das harte und entbehrungsreiche Leben in sengender Hitze weitab jeglicher Zivilisation war nicht lange erfolgreich. Die Deutschen schirrten ihre Ochsen an und zogen ab. Einer dieser alten Holzkarren steht noch heute am Wegrand, festgefahren, als sei er gerade erst verlassen worden.

Nicht weit entfernt, weit weg vom Wasser, liegt das Schiffswrack eines Holzschoners und kurz darauf, nahe am Atlantik, ein weiteres Wrack, der Frachter „Edward Bolen“. Nur wenige bekommen diese eindrucksvollen Seiten Namibias zu Gesicht. Denn dorthin führt nur ein langer, beschwerlicher Weg mit dem Allradfahrzeug. Aus dem Flieger aber zeigt dieses Land alles, was es zu bieten hat. Jetzt sind die Schaumkronen des Atlantik so nah, wie sie nur bei einem Schiff sein können. Pilot Nicolas Cofman geht auf Tiefflug. Zwei bis drei Meter unter uns die Brandung, rechts über uns die Namib-Dünen. Alles fliegt auf uns zu. Wir sind mittendrin. „So ein Grasnarbenfliegen ist nur in Afrika möglich“, sagt Cofman. Der 28-jährige schlaksige Pilot wirkt mit seinen wachen Augen und dem langen Pferdeschwanz wie ein Abiturient. Er hat aber schon über 2.000 Flugstunden hinter sich, mehr als manch älterer Kollege.

Eine Traumbucht liegt unter uns. Conception Bay, Brutplatz zahlloser Flamingos, Kormorane und Seeschwalben, wird in großer Höhe überflogen. Rücksicht auf die Natur. Vor den goldgelben Dünen von Sandwich Harbour schillert eine Lagune in sämtlichen Schattierungen von Blau und Türkis bis Grün. Rosafarbene Flamingos flattern in Formation darüber hinweg. Beim Tankstopp machen wir einen kurzen Abstecher in den deutschesten aller Orte Namibias, Swakopmund. Die Bismarckstraße, das „Hotel Grüner Kranz“ und das Hohenzollernhaus künden von kolonialer Vergangenheit. Auf unseren Flug in den Busch nehmen wir noch eine Schwarzwälder Kirschtorte aus dem „Cafe Treffpunkt“ mit. Was gibt es Alberneres in Afrika?

Und wieder so ein Flugerlebnis, das in Europa undenkbar wäre. Die Skelettküste empfangt uns mit Nebel. Der Pilot löst das Problem auf namibische Art: Statt über die Wolkenbänke aufzusteigen und mit GPS-Satellitenortung zu navigieren, fliegt Nicolas durch den Nebelschleier auf Sicht. Als Orientierung dient die Küstenstrasse, auf der kein Auto weit und breit zu sehen ist. An einer Kreuzung – Nicolas setzt noch kurz die Brille auf – erhascht er im Vorbeiflug die Aufschrift eines Wegweisers. Brandberg West habe darauf gestanden, sagt er und dreht nach rechts ab.

Am Nachmittag gehen wir auf einer richtigen Landebahn runter, zwar aus Sand und im Busch, aber komfortabel. Am Airstrip erwartet uns schon Lumley, der Manager des „Damaraland Camp“. Er habe die seltenen Wüstenelefanten gesichtet, wir müssten sofort losfahren. Nur, wie findet man eine wandernde Herde in unübersichtlichem Terrain wieder? Wir stehen mit unseren Jeeps im Bett des Huab-Flusses. Die Elefanten sind in der Zwischenzeit verschwunden. Wir warten. Lange. Statt der Elefanten bricht plötzlich unser Spurenleser aus dem Unterholz – atemlos und schweißgebadet. Er hat die Herde nach einigen Kilometern Fußmarsch aufgespürt.

Die Dickhäuterfamilie zieht mit zwei Jungtieren im Gänsemarsch über die Ebene, gemächlich und majestätisch. Genau an der Stelle, an der unser Menschengeruch zu ihnen hinüberweht, hebt ein Tier nach dem anderen den Kopf, dann den Rüssel. Sie nehmen Witterung auf. Selbst die Kleinen machen bei diesem Elefantenballett mit. Der Treck bewegt sich einer Wasserstelle entgegen. Diese Tiere sind die Sparversion unter den Elefanten. Im Gegensatz zum „normalen“ Elefanten, der täglich 160 Liter trinken müssen, kann die im Kaokeveld lebende Spezies vier Tage ohne Wasser auskommen.

„Here is Sierra Alpha Lima on flightlevel one zero five, heading to Mokuti“, kündigt der Pilot unser Flugzeug beim Tower für die Landung auf dem Flugfeld der „Mokuti Lodge“ an. Die Landebahn am Rand des Etosha-Parks ist die einzige asphaltierte Piste weit und breit. Unsere Cessnas müssen ausnahmsweise nicht im heißen Wüstensand stehen, werden im Hangar geparkt. Der Etosha-Park ist mit mehr als 22.000 Quadratkilometern etwas größer als Hessen. Dieses weißgraue Flachland verwandelt sich in der Regenzeit in eine riesige Wasserfläche. Ein Schlaraffenland für 114 Säugetierarten und Wasservögel. Doch im Moment macht der „große weiße Platz des trockenen Wassers“ – das bedeutet Etosha übersetzt – seinem Namen alle Ehre. Die dürre Tonebene täuscht mit Luftspiegelungen nur Wasser vor. Feine Dunstwolken hinterlassen überall eine Staubschicht.

In der heißen Jahreszeit sind Wasserstellen die besten Beobachtungsposten. Neben scheuen Springböcken labt sich eine Zebraherde am braunen Nass. Für einen Moment machen sie den Giraffen Platz, die mit großen Schritten auftauchen. Zum Saufen müssen die Giraffen ihre staksigen Vorderbeine spreizen und den Hals strecken. Die durstigen Zebras versuchen vorsichtig, erneut an die Wasserstelle zu kommen, doch die Giraffen schlagen mit ihren langen Hälsen um sich, bis sie endlich einträchtig nebeneinander trinken.

Am Rand des Etosha-Parks erheben sich aus der Dornbuschsavanne die weißen abweisenden Mauem von Fort Namutoni. Zur Jahrhundertwende wehte vom Fahnenmast neben den MakalaniPalmen das deutsche Banner. Die Festung diente als Stützpunkt im Eroberungskrieg gegen den Stamm der Ovambos. Eine bronzene Gedenktafel verklärt diesen ungleichen Kampf Gewehre gegen Speere: Tausende von „Wilden“ seien damals von einer Hand voll Soldaten in Schach gehalten worden.

Außer Forts und Städten haben die Deutschen noch ein weiteres Erbe hinterlassen. Nach drei Stunden Flug befinden sich unsere Flugzeuge über einem Landstreifen, den das heutige Namibia einem Tauschhandel zu verdanken hat. Der Caprivi-Zipfel, der am Nordosten Namibias hängt wie ein Wurmfortsatz, wurde 1890 dem Schutzgebiet Deutsch-Südwestafrika zugeschlagen. Das britische Empire tauschte das Gebiet zusammen mit Helgoland gegen die Insel Sansibar ein. Namensgeber: der deutsche Reichskanzler Leo Graf von Caprivi.

Am hellblauen Himmel über Caprivi hängt eine einzige Wolke. „Die erste seit vier Monaten“, sagt Nicolas. Die Cessa fliegt mit fast 300 Stundenkilometern Höchstgeschwindigkeit. Wir haben Rückenwind. Zu den Drinks aus der Kühlbox wird ein ganz besonderes Schauspiel geboten. Vom Ufer des Kwando aus durchschwimmt eine Elefantenherde den Fluss, eine andere trinkt an der Böschung. Giraffen schauen neugierig über die Baumwipfel, Wasserbüffel grasen auf den Feuchtwiesen und Nilpferde planschen im Wasser.

Eine verbreiterte holprige Sandpiste ist die Landebahn der „Lianshulu Lodge“. Doch die Schlaglöcher spürt man nur im Auto, unsere Maschinen setzen erstaunlich weich auf. Aufgrund eines zurückliegenden Erlebnisses frage ich den Fahrer, der uns zur Lodge bringen soll, sofort nach Löwen. Hatte ich doch ein Jahr zuvor Blut und Wasser geschwitzt, als mich ein Pilot hier abgesetzt hatte: Arglos saß ich auf meinem Gepäck im einsamen Grasland. Bis ein Einheimischer auf einem klapprigen Fahrrad daherkam und mich fragte, ob ich denn die Löwen dort drüben im Gras schon gesehen hätte, sechs Stück. Natürlich nicht, hätte ich wohl sonst so seelenruhig dagesessen?

Als der Schwarze dann zur Tagesordnung übergehen und sich wieder auf sein Rad schwingen wollte, entschied ich mich für Reden, statt die Flucht anzutreten. Alles über ihn interessierte mich plötzlich. Und so erfuhr ich einiges über sein Heimatdorf Lizaulu, dass er dort nur mit Hammer, Blasebalg und Holzkohlenglut Messer herstellt. Und dass er nicht gut auf Elefanten zu sprechen ist, weil diese immer seinen Gemüsegarten heimsuchen.

Ich hätte mir sein ganzes Leben erzählen lassen, wäre nicht der rettende LodgeJeep gekommen. Löwen habe ich übrigens keine gesehen. Diesmal auch nicht. Der Fahrer berichtet nämlich nur von einer ganz besonderen Löwen-Art im Caprivi, dem „yesterday lion“. Der taucht immer auf, wenn man nach Löwen fragt. „Yes, yesterday we saw a lion“, heißt die lakonische Antwort. Kein Wunder. Im Caprivi Game Reserve gibt es die Tiere nicht auf Bestellung zu sehen. Man braucht Glück, denn in der ganzen Region vom Mudumu National Park bis zum botswanischen Chobe National Park keine Zäune gibt. Afrika pur: Die Bewohner der kleinen Strohhütten-Krals müssen sich wie eh und je ungebetener wilder Besucher erwehren.

Der typische Caprivi-Tourist liebt die besondere Spannung auf der Pirsch. Immer gegen den Wind wandern wir durch das Buschland. Unser Guide gebietet uns, still zu sein. Er hat etwas entdeckt. Vorsichtig lotst er uns durchs Unterholz auf einen großen Termitenhügel. Vor uns grast ein Dutzend Kudus. Der Bock mit seinen langen gezwirbelten Hörnern wacht über die Herde, schaut sich immer wieder aufmerksam um, blickt zu uns herüber. Nur nicht bewegen. Ein jäher Warnruf und schon schießt er Hals über Kopf davon, die anderen folgen ihm. Eine Kuh macht einen eleganten Satz über einen Busch hinweg. Der Grund für die Panik: Ein großer alter Elefantenbulle mit mächtigen Stoßzähnen erscheint. „Solche Einzelgänger können manchmal ziemlich aggressiv sein“, flüstert der erfahrene Ranger und rät zum Rückzug.

Die agressivsten Tiere Afrikas zeigt er uns jedoch später. Gegenüber der „Lianshulu Lodge“ schwimmen sie scheinbar träge und harmlos vor ihrem Stammplatz auf einer Sandbank: Hippos. „Nilpferde haben in Afrika schon mehr Menschen getötet als alle anderen Wildtiere zusammen“, mahnt er. Unter Wasser machen sie bis zu 20 Sachen und mit ihrem Maul beißen sie glatt ein Krokodil durch. An die Nähe der „Lianshulu Lodge“ haben sich die Dickhäuter gewöhnt. Zum Sundowner in der mit Rattanmöbeln und afrikanischen Schnitzereien safarimäßig eingerichteten Lobby ertönt das tiefe Grunzen dieser Tiere. Auch in unseren Stroh gedeckten Hütten am Fluss ist ihr grantelnder Bass zu hören.

Elefanten scheinen da etwas toleranter zu sein. Falsch, die grauen Riesen haben nur eine kolossale Selbstsicherheit. Einen Tag später erlauben sie es uns, dass unser Boot ihnen so nahe kommt, dass sie fast hineingreifen könnten. Wir sind auf dem Chobe-Fluss an der Grenze zu Botswana unweit von Kasane. Die Dickhäuterfamilie ist zum Trinken da. In dichter Reihe nebeneinander halten sie ihre Rüssel ins Wasser und kippen etliche Liter. Ein wenige Tage altes Elefantenbaby stolpert tollpatschig zwischen den Tieren herum, bis es im Wasser landet. Mutter richtet das Kleine wieder auf und schiebt es fürsorglich unter ihre schützenden Beine.

In der Lodge „King’s Den“ erwische ich den Schlüssel mit der Säbelantilope. Mein Haus am Wasser ist folglich ganz im Säbelantilopen-Look eingerichtet. Tür, Tisch, Sessel, alles ist mit Säbelantilopen-Schnitzereien verziert. „King’s Den“, einst ein kahler Wiesenfleck in den Chobe-Wiesen, entstand aus der Vision des Selfmade-Manns Oum Visagie. Von den Bungalows bis zum Swimmingpool trägt alles die Handschrift des einstigen Bauunternehmers aus Südafrika. Am Anleger fest vertäut liegt sein größter Traum, die „Zambesi Queen“. Der stolze selbst gebaute Schaufelraddampfer, eine Reminiszenz an den Film ,,African Queen“, sollte eigentlich als Touristenattraktion den ganzen Sambesi befahren – doch leider sank der Wasserspiegel und legte etliche Stromschnellen frei. Heute können die komfortablen Schiffskabinen ausschließlich für die Tour zwischen Katima Mulilo und „King’s Den“ gemietet werden.

Mit dem schnellen Boot geht es zum äußersten Zipfel von Namibias Nordosten, der Impalila-Insel. Aus dem Morgendunst heben sich einige Mokurros ab, das traditionelle Verkehrsmittel südafrikanischer Feuchtgebiete. Diese Einbäume werden von Dorfbewohnem mit langen Stangen am Schilfgürtel entlang gestakt. Ihr Kral aus kleinen, runden Strohhütten liegt gleich neben den Sambesi-Stromschnellen von Impalila Island. Dieses Stück Namibia gleicht einer Speerspitze, die am Zusammenfluss von Chobe und Sambesi in die Nachbarländer hineinragt. Vom größten Baobab-Baum der Insel blickt man auf vier Länder. Wer mit zitternden Knien und Schweiß auf der Stirn in gut 20 Meter Höhe angelangt ist, wird mit einer besonderen Aussicht belohnt: Hinter uns Namibia, auf der rechten Flussseite Botswana, am linken Flussufer liegt Sambia und hinter der Einmündung der Flüsse Simbabwe.

Simbabwes größtes Naturwunder, die Victoriafalle, ist aus dem Flieger bereits von weitem zu erkennen. Weiß steigen Wasserwolken am Horizont auf. Eine halbe Stunde später sind wir direkt über den Fällen. Wie eindrucksvoll die Fälle aus der Luft auch sind, erst vom Boden aus spürt man die ungeheuren Kräfte des Wassers. Schon in einigen hundert Metern Entfernung glaubt man, sich einem Flugplatz mit einer Unmenge von startenden Hubschraubern zu nähern. Am Grabenrand vibriert die Luft. Die mächtige Wasserwand speit Gischt aus und verwandelt den Busch in tropfenden Regenwald. „Mosi-oa-Tunya“, – Rauch, der donnert ­– heißen die Fälle in der Losi-Sprache. Als „den wunderbarsten Anblick, dessen Zeuge ich in Afrika wurde“, behielt sie David Livingston in Erinnerung, der erste Europäer, der die Fälle zu Gesicht bekam. Und er hat nicht übertrieben.