medizinmänner

Arche für Kräuter

Wenn der Heiler Sazi Jerico Mhlongo eine Medizin verschreibt, bedient er sich in der Apotheke der Natur. Dort reißt die wachsende Nachfrage enorme Lücken. Südafrikas erste Heilpflanzen-Plantage soll den Auslesedruck von der Wildnis in den Garten lenken.

Sazi Jerico Mhlongo trägt trotz der Hitze einen grauen, gut sitzenden Anzug und eine Krawatte. Am Handgelenk des breitschultrigen Mittfünfzigers blinkt eine goldene Uhr. Der Direktor einer Schule im südafrikanischen Homeland Kwa Zulu verkörpert das moderne aufgeklärte Schwarzafrika. Doch Mhlongo ist auch Präsident der Vereinigung der Inyangas, der traditionellen Heiler, in der Provinz Natal. Der Lehrer wohnt mitten im Tal der tausend Hügel, einem Meer von grünen Bergen, das sich riesigen Wellen gleich zum Indischen Ozean erstreckt. Sein Kraal, drei strohgedeckte Hütten, steht bei dem Ort Stanger.

Der Akademiker betritt eine Hütte, in der er seine Patienten behandelt. An den Lehmwänden hängen Schlangenhäute, Hörner, Felle, Kräuter und Wurzeln. Konservendosen und Marmeladengläser mit Pulvern und Elixieren füllen die Regale. Auf dem Boden steht in grauer, kalter Asche eine Räucherschale. »Ich wurde Heiler, weil es die Ahnen so bestimmten«, erklärt der Medizinmann in perfektem Englisch und bekränzt sich mit einer Kette aus Perlen und Korallen. »Als ich noch ein Kind war, erschienen mir meine Vorfahren in den Träumen und sagten mir, wie bestimmte Krankheiten zu behandeln sind.«

Inyangas, heißt es, hätten guten Kontakt zur Welt der Ahnen. Sie halten Zwiesprache mit den Amadlozi, wie die Zulus die Geister der Verstorbenen nennen. Medizinmänner stehen zwischen den Lebenden und den Toten, zwischen Diesseits und Jenseits. Ihre Hilfe wird gebraucht, wenn jemand gegen Tabus verstoßen und dadurch den Zorn der Geister auf sich gezogen hat. »Wenn die Ahnen den Körper eines Patienten quälen«, sagt der elegante Zulu und zupft an der Bügelfalte seiner Hose, »müssen wir Heiler die Geister besänftigen, ihnen Opfergaben bringen, um sie freundlich zu stimmen.« Der Intellektuelle, der auf die Stimme der Toten hört, lächelt dabei würdevoll.

Wie er praktizieren in Südafrika einige tausend traditionelle Heiler – die Inyangas sind nur eine Gruppe. Auch Regenmacher und Kriegsdoktoren bieten ihre Dienste an. Geachtet und gefürchtet sind die Hexenmeister, die Abathakathi. Sie sprechen Flüche aus und streuen Gifte. Alle werden wie Heilige verehrt. Nach Schätzungen vertrauen noch etwa 80 Prozent der schwarzen Bevölkerung Südafrikas auf die Fähigkeiten der Heiler. Deren Medizin heißt Muthi und stammt aus der Apotheke der heimischen Flora. 24500 Pflanzenarten birgt das weite Land am Kap. Deshalb muss ein Inyanga mindestens fünf Jahre bei einem Meister in die Lehre gehen, ehe er die Heilpflanzen und ihre Anwendungen kennt. Nach einer Prüfung durch die örtliche InyangaVereinigung erhält er eine Lizenz als staatlich anerkannter Medizinmann.

 

»Die Universität des traditionellen Heilers ist der Urwald«, sagt Mhlongo. Dort studiert auch er immer wieder die Natur und sammelt Pflanzen. »Wir geben unseren Patienten natürliche Stoffe, die aufbauen. Bei uns gibt es keine Pillen, die Nierensteine verursachen.« Inyangas heilen mit Muße. Auf der Suche nach den Ursachen von Krankheiten besucht der Medizinmann seinen Patienten zu Hause, am Arbeitsplatz – und nimmt ihn sogar im eigenen Heim auf. Nur fünf Rand, etwa 2,50 Mark, kostet es, gewöhnliche Kopfschmerzen loszuwerden. Mit ein wenig Puder, kräftig durch die Nase gezogen, ist der Fall erledigt. Wer aber von Kopfschmerzen befreit werden möchte, die von den Giften eines Hexenmeisters ausgelöst wurden, muss 50 Rand berappen. »Dann ist der ganze Körper verseucht«, sagt Mhlongo, »und das kostet eine Menge Mühe und Medizin.« Die Inyangas nutzen Blätter, Wurzeln, Mineralien, Erde, Holz und Rinde. Knochen, Häute, Panzer, Hörner und Hufe gehören ebenfalls zur Natur-Apotheke. Sie werden zu geheimen Mixturen vermengt, zu Pulver verrieben, in Wasser aufgelöst oder in Butter gekocht.

»Tatsächlich haben die meisten traditionellen Mittel eine nachweisbare Heilwirkung«, sagt Karl Pegel. Der Chemie-Professor an der Universität von Natal in Durban hat die Muthi analysiert. »Wir finden in den Pflanzen, mit denen die schwarzen Medizinmänner ihre Patienten behandeln, mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit medizinisch wirksame Inhaltsstoffe.« Dies gilt für 80 Prozent der 350 von ihm untersuchten Pflanzen (siehe Kasten Seite 68). Doch manches heilende Kraut ist bereits ausgerottet. Mit der wachsenden Bevölkerung in Südafrika steigt der Raubbau an der Natur, verschwinden begehrte Heilpflanzen aus vielen Landstrichen. Denn auch die Städter in den schwarzen Townships vertrauen wie ihre ländlichen Vorfahren auf die Kraft – das Amandla – der Heilkräuter. So beuten die Muthi-Sammler zusehends die restlichen Bestände aus. Pro Woche schleppen 120 Menschen allein aus dem Township Umlazi 150000 Pflanzen oder Pflanzenteile heran und fangen 2000 Kleintiere.

Mehr als 15 Millionen Pflanzen werden in Durban pro Jahr verbraucht. Das sind 300 Tonnen im Monat. Sammler rupfen die meisten Heilpflanzen bereits aus dem Boden, wenn sie noch jung sind. Damit unterbrechen sie die Fortpflanzung der Gewächse. Von manchen Arten lassen sich schon keine ausgewachsenen Exemplare mehr finden. Andere, wie Polygala virgata, in der Zulu-Sprache »i Thethee« genannt, starben völlig aus. Und Tierschützer bangen um die letzten Leguane Südafrikas, deren Haut bei den Heilern besonders begehrt ist.

Im Karkloof-Wald am Tugela-Fluß in Natal sind 99 Prozent der letzten Black Stinkwoods an der Rinde verletzt. Diese wird als Mittel gegen Verstopfung geschätzt. Ein Drittel der Bäume ist wegen der Schäden nicht mehr zu retten. »Manche Landschaften wirken äußerlich noch wie ein Paradies«, bedauert Karl Pegel, »als Medizinpflanzen-Region sind sie aber bereits Wüsten. Das heißt, man findet keine Pflanzen mehr, die sich als Muthi eignen.« Seine Kollegen an der Universität von Natal fürchten die Folgen dieser Lücken im Ökosystem. Botaniker, Chemiker und Soziologen versuchen gemeinsam, mit Heilern, Sammlern und Händlern ins Gespräch zu kommen. Vorangegangene Polizei-Aktionen gegen den Raubbau an Muthi hatten nur wenig Erfolg.

Bei dieser Zusammenarbeit entstand die Idee für ein Projekt am Rande der Großstadt Durban. Im Narurreservat Silverglenn schützt ein hoher Stacheldrahtzaun ein ausgedehntes Areal. Hunderte von Arten werden dort vor dem Aussterben bewahrt. Wie ein Schatz werden Gewächse, Bäumchen und Setzlinge gehütet. Silverglenn ist Südafrikas Arche für Heilpflanzen. »Wir halten nur wenige Pflanzen einer einzelnen Sorte«, erklärt Enver Buckas, der Leiter der Silverglenn-Plantage. »Auf Bestellung machen wir aus diesem Stamm so viele Setzlinge wie nötig.« Die Jungpflanzen gedeihen im nassen Sand eines feuchtwarmen Gewächshauses. Nutznießer der Heilpflanzen-Zucht sind vor allem die »neuen« Inyangas. Das ist jenes Zehntel der traditionellen Heiler, die sich wegen des Raubbaus vom Sammler zum Farmer entwickelt haben und die benötigten Heilpflanzen selbst anbauen. Auch deshalb wurde Silverglenn ein weithin bekanntes Zentrum. Junge Medizinmänner pilgern dorthin, um sich über den Anbau zu informieren.

»lch möchte meinen Kindern eine intakte Welt erhalten, damit sie in Zukunft auch als Inyanga arbeiten können«, sagt Mkhuluwe Portas Cele, Heiler und Mitbegründer des Silverglenn-Projektes. Inyangas, erklärt Cele, seien schon immer pfleglich mit der Natur umgegangen. Sie schälten nur ein handgroßes Stück heilender Rinde heraus, streuten Sand in die Wunde und ließen dem Baum Zeit, sich zu erholen. »Ich benutze heute noch eine Akazie«, sagt der Zulu, »die schon mein Vater vor 50 Jahren schälte.« In einem knallroten Hemd steht Cele in der Plantage. Über jede der mehr als 100 Heilpflanzen kann er einen Vortrag halten. Die silbernen Blätter einer Blume, die in der Zulu-Sprache »imPhepho« heißt, helfen gegen Magenbeschwerden. Die Wurzel der Umlahleni-Pflanze heilt Infektionen im Brustkorb. Diese merkwürdigen Lilien, die als Schmarotzer an manchen Bäumen des Geländes wachsen, bezeichnet Cele als magische Pflanzen. »Ihre Wurzeln werden in die Nabelschnur eines Neugeborenen eingewickelt und an der nächsten Wegkreuzung vor dem Geburtshaus eingepflanzt«, erklärt Cele. »So wird verhindert, dass das Kind stirbt.«

Celes Garten ist ein kleines Paradies. Er selbst lebt in einer modernen Wildnis aus wackeligen Blechschuppen, unverputzten Steinhäusern und Lehmhütten. Umlazi heißt das schwarze Township. In diesem wuchernden Wirrwarr vor den Toren der Hafenstadt Durban regieren Angst und Ausweglosigkeit. Also muss »Kwazihlahla«, wie Cele in Umlazi gerufen wird, auch »Krankheiten« wie Arbeitslosigkeit und Armut behandeln. Sein Muthi-Shop, die Apotheke der Gegend, ist vollgestopft mit Flaschen, Gläsern, Häuten, Tierschädeln und Baumrinde. Von der Decke hängen getrocknete Kräuterbündel. Es riecht nach Verfaultem und edlem Gewürz zugleich.

Jeden Morgen wird das Muthi-Geschäft zum Wartezimmer. Einige Mütter harren mit ängstlich blickenden Kindern auf dem Schoß aus. Babys werden gestillt, ein älterer Herr hält ein Nickerchen. Im Hinterzimmer tastet Cele den Bauch eines Jungen ab. »Diarrhöe«, Durchfall, lautet seine Diagnose. Dann vermengt er zerstampfte Rinde, etwas Pulver und einige Tropfen Öl und wickelt das Ganze in Zeitungspapier. Auf das Päckchen schreibt er die Rezeptur und erklärt der Mutter des Knaben, wie sie daraus einen Sud kochen muss.

»Ein guter Inyanga kennt seine Grenzen«, sagt Cele. »Komme ich in schwierigen Fällen mit meinen Methoden nicht weiter, schicke ich die Patienten ins Krankenhaus. Da gibt es keine Konkurrenz!« Hinter Celes Haus bereiten vier Assistenten die Arzneien zu. In einem Stahlzylinder zerstampfen sie Rinde zu gelbem Pulver, hacken Holz und mahlen es. Graue Rauchschwaden hüllen den Hinterhof ein. Auf dem Feuer köchelt in einem Bottich ein geheimes, merkwürdiges Gemisch – neun Stunden lang. Nein, Muthi sind nichts für europäische Geschmäcker. Was da manchmal aus der Medizinflasche tropft, erinnert zu sehr an graubraunes Brackwasser. Und das Pulver zerstampfter Schlangenhaut riecht eher faulig als appetitlich.

»Muthi«, erklärt Cele, »ist eigentlich nichts anderes als eine Form der gesunden Ernährung« – und Millionen schwarzer Südafrikaner schmeckt’s offensichtlich auch. Muthi-Märkte sind so verbreitet wie Gemüseläden bei uns. Nahezu jeder Schwarze weiß ein wenig über Naturmedizin für den Hausgebrauch. Der größte Heilmittelmarkt Natals liegt zwischen Durbans Hauptbahnhof und Victoria Market in einem Glutofen aus Asphalt, Betonpfeilern und Fußgängerbrücken. Am Rande einer Hauptstraße preisen etwa 100 Muthi-Händler ihre Ware an, zerhacken Wurzeln und Pflanzen mit der Machete, fachsimpeln und feilschen. Der Duft ätherischer Öle mischt sich mit Dieselgestank. Muthi sind ein lukratives Geschäft. 1993 wurden in Südafrika schätzungsweise 500 Millionen Mark umgesetzt. Der Inyanga Sosobala Esau Mbatha ist so reich geworden, dass er seine Patienten mit dem eigenen Flugzeug besucht. In Zeitungsanzeigen werden täglich sogar Telefon-Konsultationen angeboten. Überschrift: »Call the muthi-line«.

Bei Kranskop, irgendwo im Niemandsland zwischen Township und noch intakter Natur, gibt es kein Telefon. Eine Trommel dröhnt dumpf durch den Kraal und ruft die Frauen aus der Lehmhütte. Die Heilerin Hlengiwe und ihre Kollegin Ntombana haben sich weiße Korallen und rote, extrem giftige Glücksbohnen in die Haare geflochten. Zum schnellen Rhythmus stampfen sie mit den Füssen und drehen sich. An ihren Fesseln scheppern die umgearbeiteten Deckel von Cola-Dosen. Der Beschwörungstanz der Frauen soll böse Geister vertreiben. Drohend fuchteln sie mit Büscheln aus schwarzen Pferdehaaren, stöhnen und fauchen. Auf ihren verzückten Gesichtern glänzen Schweißperlen in der Mittagssonne. Dann endet der Tanz. Ruhe kehrt ein.

In einer der runden Zulu-Hütten beobachten die Patienten, ein Ehepaar, das keine Kinder bekommen kann, gespannt das Ritual. Hlengiwe und Ntombana werfen ihre magischen Knochen und Steine auf die Erde. Lange betrachten sie deren Lage und lesen ihre Diagnose heraus. Dabei kriecht Ntombana knurrend wie ein Tier auf allen vieren umher. Ihr Oberkleid, eine Leopardenfell-Imitation, bebt. Hlengiwe murmelt Beschwörungsformeln. Demütig und etwas ängstlich verfolgen die Eheleute den Auftritt der Frauen. Endlich darf das Paar sein Geld auf den Lehmboden legen und bekommt dafür ein Pulver. Sichtlich beeindruckt geht es nach Hause.

Hlengiwe und Ntombana gehören einer besonderen Gruppe der Heiler an, den Sangomas. Diese spirituellen Diagnostiker schalten sich ein, wenn jemand von bösen Träumen geplagt wird oder der Mais nicht wächst. Sie haben für alles ein offenes Ohr und vor allem ein eindrucksvolles Ritual. Weiße Psychiater blicken ehrfurchtsvoll auf ihre Erfolge. Auch die Sangomas nutzen die Apotheke des Waldes. Doch wenn sie behandeln, streichen sie mit ihren Ritualen die Aura der Geheimlehre nach Kräften heraus. Nur gelegentlich zollen sie der Moderne Tribut. Ntombana zeigt stolz ein Mittel, mit dem sie böse Geister vertreibt. Damit soll ein Kreis um das Haus gezogen werden. Die Plastikflasche aus dem Supermarkt trägt den Aufdruck »Jeyes Fluid“. Das ist ein Putzmittel für den Haushalt, scharf wie »Domestos« – aber eben mit der Kraft der Sangomas.

 

KASTEN:

Südafrikas Markt für traditionelle Heilpflanzen geht der Nachschub aus

Karl Pegel ist Professor für Chemie an der Universität Natal im südafrikanischen Durban. Dort untersuchte er heimische Heilpflanzen. Bei 80 Prozent der Proben fand er Hinweise auf eine medizinische Wirkung. Über den wachsenden Bedarf schreibt er: »Noch lassen sich Südafrikas Heilpflanzenmärkte aus entlegenen Gebieten versorgen. Nur auf der Plantage von Silverglenn werden zum Schutz der Arten gezielt Heilpflanzen angebaut. Denn einige sind bereits ausgerottet. Zur Zeit ist es jedoch noch billiger, Medizinpflanzen zu sammeln, als sie zu ziehen. Einige Heiler möchten ihre Pflanzen wegen der gleichbleibenden Qualität selbst anbauen.«

Allzu oft enden Menschen, die sich selbst behandeln. Im Krankenhaus: Sie schätzten die Mittel falsch ein. Wenn ein Heiler nicht weiterkommt, überweist er seine Patienten an einen Arzt. Schwarze Ärzte in den Townships schicken ihre Kranken wiederum zu Inyangas, wenn dies besser zu den Symptomen passt oder billiger ist.