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Im Land des Schweigens

Martin Schlüter gelang eine ungewöhnliche Fotoreportage über sexuellen Missbrauch an Eskimokindern. Dafür wurde er „CNN-Journalist des Jahres“

Diese Story ist ein Risiko. Nicht nur weil Alaska ein teures Pflaster ist, sondern vor allem weil unklar ist, ob dort überhaupt jemand Martin Schlüter treffen will. Der Fotograf fliegt trotzdem an die eisige Beringsee, um ohne Auftrag eine Geschichte zu fotografieren – seine Geschichte. Als Messdiener hatte er in seiner Jugend viele positive Erlebnisse mit der Kirche gesammelt. An der Westküste Alaskas will er nun ihre dunkle Seite kennenlernen. In den Eskimo-Dörfern haben katholische Priester in beispiellosem Ausmaß Kinder sexuell missbraucht. Martin Schlüter will mit den – inzwischen erwachsenen – Opfern reden, will sich und anderen ein Bild von ihrem Schicksal machen.

„Nach zwei Wochen hatte ich nur zwei wirklich brauchbare Bilder im Kasten“, berichtet Martin Schlüter heute: „Ich war so frustriert, dass ich drauf und dran war, nach Hause zu fliegen.“ Er blieb am Ball und zwei Jahre später gewann er mit seiner Fotostrecke „Schweigen im Schnee. Kindesmissbrauch an der Beringsee“ nicht nur beim CNN-Journalist Award in der Kategorie Foto, sondern auch den Haupttitel „CNN Journalist des Jahres 2012“, der über alle Wettbewerbskategorien hinweg gekürt wird. Die renommierte Auszeichnung ging damit im deutschsprachigen Raum erstmals an einen Fotografen.

Die Geschichte der Recherche

Nach dem Abitur radelte Schlüter drei Monate lang durch Alaska. Damals hat er die Kultur der Eskimos schätzen gelernt. Seitdem informiert er sich regelmäßig auf den lokalen Websites über die neuesten Ereignisse. Beim „Nome Nugget“ stieß er auf eine journalistische Goldader: ein Artikel über Kindesmissbrauchsfälle in den 60er und 70er Jahren und eine Klagewelle gegen die katholische Kirche. „Über 350 Eskimos sind deswegen vor Gericht gezogen, und ich hatte in Deutschland nichts davon gehört? Ich beschloss also, weiter zu recherchieren.“ Die Recherche offenbarte das ganze Ausmaß der ungeheuerlichen Taten und ihr systematisches Vertuschen. Martin Schlüter stieß zwar auf Namen von Opfern, hatte aber noch keinen richtigen Ansatz. Bis er von dem Anwalt, der einen Großteil der Opfer vertritt, erfuhr, dass manche seiner Mandanten vielleicht bereit seien zu sprechen.

Der kleine Ort St. Michael wurde wegen der großen Dichte an Opfern zum Fokus seiner Recherchen. Von 400 Einwohnern ist jeder dritte betroffen. „Mehrere Dörfer zu besuchen zerschlug sich sehr schnell“, sagt Martin Schlüter: „Bei diesem sensiblen Thema funktioniert das nicht. Ich musste viel Zeit investieren, um überhaupt an die Opfer heranzukommen.“

Nachdem wirklich jeder im Ort wusste, was der Fotograf tat, entstand Vertrauen und er wurde akzeptiert. Er hatte auch Ressentiments beiseitezuräumen. Ein Team der „L.A. Times“ hatte vor ihm in St. Michael für den Eindruck gesorgt, Reporter seien rücksichtslos und würden Menschen bedrängen. Der geduldige und zurückhaltende Fotograf aus Deutschland bekam intensivere Kontakte. Er spazierte mit den Opfern durch das Dorf, trank Tee mit ihnen und hörte zu – und verzichtete oft auf ein Foto. „Da sitzt einem ein Mensch gegenüber, der lange gebraucht hat, um sich zu öffnen, er ringt mit den Tränen und dann zückt man die Kamera, um ihn abzulichten. Nein, das geht nicht“, meint Martin Schlüter.

Trotzdem gelingen ihm sehr eindrückliche Bilder. Es sind unspektakuläre Fotos, die mit ihrer stillen, intimen Erzählweise den Opfern gerecht werden. „Ich bin nicht der situativ arbeitende Fotograf, der schnell draufhält“, beschreibt Schlüter seine Arbeitsweise: „Ich gehe eher einen Schritt zurück und beobachte in Ruhe.“ Bewusst entschied er sich für die Winterzeit. Der Grund: „Durch das reduzierte Umfeld im Schnee, wenn Himmel und Landschaft ineinander übergehen, kann man die Isolation dieser Menschen, die allein gelassen wurden, viel besser darstellen.“ Und mit der Wahl von Schwarz-Weiß neutralisierte der Fotograf störende grelle Farben von T-Shirts und Anoraks zugunsten von Gesichtern.

Zurück in Deutschland kommen die ersten deutschen Missbrauchsfälle ans Tageslicht. „Damit ist meine Geschichte tot“, dachte er damals: „Wen interessieren dann noch die Schicksale von Eskimos im fernen Alaska?“ „Mare“ tat es. Gegen den Mainstream entschied die Redaktion bei dem Thema in die Tiefe zu gehen. Denn an den Opfern entlang wurde bis dahin hierzulande keine Geschichte erzählt. „Mare“ wartete sogar mit der Veröffentlichung, als sich die Gelegenheit ergab, der Geschichte einen besonderen Dreh zu geben. Der zuständige Bischof war vom Gericht verurteilt worden in den betroffenen Eskimo-Dörfern die Opfer um Vergebung zu bitten. So war Schlüter zusammen mit einem Autor ein Jahr nach seinem ersten Aufenthalt in St. Michael dabei. Im April 2011 erschien schließlich die 25 Seiten lange Geschichte „Der Bittgang“.

Aufwand und Ertrag

„Ich könnte nicht alle zwei Monate so eine Geschichte produzieren“, sagt Martin Schlüter: „Das kann ich mir finanziell nicht leisten.“ Ohne ein Stipendium der VG Bild-Kunst hätte der Fotograf das Thema nicht realisieren können, denn keine Redaktion hätte anfangs in eine so unsichere Fotoreportage investiert. Gerade deswegen wollte Schlüter sich nicht unter Erfolgszwang setzen lassen. Bei dem insgesamt hohen Aufwand war es für ihn am Ende ein finanzielles Nullsummenspiel.

Sein Geld verdient Martin Schlüter, der Kommunikationsdesign in Dortmund, Wolverhampton und Hannover studierte, zum großen Teil mit dem Fotografieren ästhetischer Architektur, glänzender Autos und aufwendiger Porträts. „Nach Alaska war ich froh, dass ich erst einmal wieder eine Autohaube perfekt ausleuchten und mein Bild in Ruhe gestalten konnte“, sagt Schlüter. Er genießt die werbliche Arbeit, weil dabei ein intensiverer Austausch mit dem Auftraggeber stattfinde. „Das Erarbeiten von Gestaltungsideen, dieser Austausch macht wahnsinnigen Spaß und ist viel stärker als bei redaktionellen Aufträgen“, hat Martin Schlüter erlebt: „Solche Arbeit gibt mir häufig mehr. Ich werde als Fotograf ernst genommen.“

Dennoch denkt Schlüter bereits über das nächste journalistische Thema nach. Er plant seine freien Projekte etwa im zwei Jahresrhythmus zu realisieren, dann aber mit einem Zeitaufwand, den er selbst für nötig hält. Und er wird weiterhin in scheinbar gegensätzlichen fotografischen Metiers zuhause sein. Daher lässt sich Martin Schlüter auch nicht gern einordnen. „Ich arbeite zwar regelmäßig auch journalistisch, würde mich aber trotzdem nicht als Fotojournalist bezeichnen“ – das sagt der CNN-Journalist des Jahres.

 

KASTEN: CNN Journalist Award

Der CNN Journalist Award wird weltweit jeweils regional verliehen. Der Nachrichtensender CNN International will damit junge Talente des Auslandsjournalismus entdecken und fördern. Journalisten aus Deutschland, Österreich und der Schweiz, die zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung ihrer Beiträge nicht älter als 34 Jahre waren, können sich in den Kategorien Online, Print, Radio, TV und Foto bewerben. Bedingung sind ein internationaler Bezug und die Veröffentlichung des Beitrages im Wettbewerbsjahr. Neben den Preisträgern in Einzelkategorien wird außerdem ein Gesamtgewinner als CNN-Journalist des Jahres geehrt.

„Die Fotostrecke Schweigen im Schnee – Kindesmissbrauch an der Beringsee von Martin Schlüter hat die Jurymitglieder sehr fasziniert“, so Franz Fischlin vom Schweizer Fernsehen, der Juryvorsitzende. „Die Jury war sich einig, dass die Bilder außergewöhnlich sind und die erzählte Geschichte sehr gut transportieren. Martin Schlüter veranschaulicht mit seiner Fotostrecke, dass gute Bilder sogar mehr Emotionen übermitteln können als Worte.“