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Entschleunigte Fotografie

Schwarz-Weiß-Bilder und pure Inszenierung, das überzeugte beim World Photography Award. Der Wettbewerb zeigt, welche Fotosprache derzeit Tendenz zum Trend hat.

1. Pure Inszenierung

Ist es Fotografie oder schon Malerei? Die Bilder von Alejandro Chaskielberg sind in ein ganz besonderes Licht getaucht. Sie haben ihren speziellen Charakter, weil der argentinische Fotograf seine Serie „Hochwasser“ nachts fotografierte und meist mehr als fünf Minuten lang belichtete. Das Licht, das seine großformatige Kamera einfing, ist eine Mixtur aus Mondlicht, Blitz und Taschenlampenlicht – so geschickt kombiniert, dass die Langzeitbelichtung, die normalerweise extreme Bewegungsunschärfen zeichnet, nicht auffällt. Die Technik klingt simpel: Was sich in fünf Minuten bewegen kann, hat der Fotograf mit dem Blitzlicht „eingefroren“, das Mondlicht bildet ein weiches Hintergrund-licht und die Umgebung beleuchtet Chaskielberg mit verschiedenen Taschenlampen. Während der langen Belichtungszeit bewegt der Fotograf die Lampen und arbeitet so Konturen und Flächen aus dem Dunkel heraus – vergleichbar mit klassischer Maltechnik.

Mit fünf Minuten Belichtungszeit macht Alejandro Chaskielberg die Nacht zum Tag … Nun hört sich dies nach reiner Kunstfotografie an. Weit gefehlt. Alejandro Chaskielberg fängt Alltagsszenen der Menschen ein, die einsam auf einer Insel im Delta des Parana Flusses leben und als Jäger, Fischer und Holzfäller arbeiten. „Einige dieser Bewohner waren vorher noch nie fotografiert worden“, berichtet Alejandro Chaskielberg. In Buenos Aires geboren, arbeitete er bereits mit 18 Jahren als Fotojournalist für eine Lokalzeitung, wendete sich aber vom aktuellen Geschäft ab und entwickelte seine Art der entschleunigten Fotografie.

Nicht ohne Grund brachte ihm die „Hochwasser“-Serie die renommierte Auszeichnung „L’Iris D’Or“ ein. „Diese sorgfältig komponierten Bilder erzählen grundlegende Wahrheiten von harter Arbeit,Gemeinschaft und dem Überleben am Rande des Existenzminimums auf eine brillant metaphorische Weise“, sagte Francis Hodgson, Juryvorsitzender der preisstiftenden World Photography Organisation (WPO) bei der Verleihung in London.

2. Schwarz-weiße Unschärfen

Eine aktuelle Strömung im Fotojournalismus vertritt Javier Arcenillas, der bei den WPO-Awards gleich zwei erste und zwei zweite Platzierungen abräumte. Der Spanier pflegt eine dramatische SchwarzWeiß-Fotografie. Seine Dokumentation über die Sicarios – junge Killer, die in Lateinamerika von der Straße weg geholt werden, damit sie für ein Honorar zwischen 15 Cent und mehreren zehntausend Dollar Auftragsmorde erledigen – ist im klassischen Reportagestil gehalten. Szenen mit bewaffneten Halbstarken und den von ihnen niedergestreckten Opfern vertragenkeine zusätzliche Ästhetisierung. Die setzt Arcenillas allerdings bei seiner Reportage über die Rohingya ein. Diese muslimische Minderheit floh aus Myanmar und lebt aus Angst vor Verfolgung seit mehr als 50 Jahren in ärmlichen Notlagern der Nachbarländer. Bei diesem Thema arbeitet Arcenillas ganz bewusst mit Unschärfen, die die unklare Behelfswelt, die diffuse Zukunft der Flüchtlinge in eine adäquate visuelle Sprache übersetzen. Die Umgebung bleibt undeutlich, was die Bildwirkung umso deutlicher und emotionaler macht.

3. Gefühle im Portrait

Pure Emotionalität zeigen die Fotos eines weiteren Gewinners: Amit Madheshiya, Sieger in der Kategorie „Kunst und Kultur“, war mit einer Geschichte über Wanderkinos in der indischen Provinz vertreten. Das Besondere an der Umsetzung des Themas: Das Kino ist direkt nie zu sehen, es bildet sich allein in den Gesichtern der Zuschauer ab. Träumerei, Freude, Erstaunen – alle Gemütsbewegungen, die Filme auslösen können, spiegeln sich in den Porträts der Zuschauer. Ein wahres Kopfkino. „Die meisten Menschen aus meiner Heimat konnten kaum Glauben, dass es dieses ursprüngliche Kinoerlebnis im Freien, bei dem sechs Filme hintereinander bis zum Morgen laufen, auf dem Lande noch gibt“, berichtet Amit Madheshiya.

4. Deutschland unterbelichtet

Die Deutschen holten sieben Preise, und wenn man bedenkt, dass wir im Vergleich zu anderen Nationen relativ wenig einreichen, spricht das eigentlich für die exzellente Qualität deutscher Fotografie in der internationalen Konkurrenz. Jedoch nicht in den journalistischen Disziplinen. Dass journalistische Fotografie aus Deutschland bei globalen Wettbewerben – wie auch beim World Press Award – oftmals im hinteren Feld landet, ist symptomatisch. Die Erklärung klingt so simpel wie einleuchtend: Deutsche Medien beauftragen kaum noch Fotografen, um über Ereignisse und Konflikte im Ausland zu berichten. Aber einschneidende, weltbewegende Geschehnisse sind es, aus denen Fotos entstammen, die bei den großen Fotowettbewerben prämiert werden. Und wenn ein Land diese Berichterstattungskultur nicht pflegt, sich Bildredaktionen hauptsächlich bei Agenturmaterial bedienen, entsteht auch kein fotografisches Potenzial. Da machen Länder mit ungleich kleinerer Medienszene, wie etwa Dänemark, uns etwas vor.