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Zeit für Zumutungen

Das „Zeit Magazin“ triumphierte, mal wieder, bei den Lead Awards 2011. Zugleich plädieren Jury und Blattmacher für mehr Risiko, Überraschungen und Tiefgang. Passt das zusammen?

Mit dem dickbäuchigen, kampfeslustig blickenden Gérard Depardieu in seinem fleckigen Unterhemd auf dem Cover wurde sie zu den Abräumern des Wettbewerbes: Die Redaktion des „Zeit Magazin“ ist bei den Lead Awards, der wichtigsten deutschen Auszeichnung der Zeitschriftenbranche, als Leadmagazin des Jahres ausgezeichnet worden – zum zweiten Mal innerhalb von drei Jahren. Unter anderem dank der ungewöhnlich alltagsnahen Depardieu-Porträts von Jonas Unger und der Langzeitreportage von Craig F. Walker über den US-Soldaten Ian Fischer. Ebenso wie in den Vorjahren gab es mehrere Auszeichnungen für den Zeit Verlag – ganze fünf. „Zeit Online“ wurde zum Webmagazin des Jahres gekürt.

Die Jury bescheinigte dem „Zeit Magazin“ eine „unglaubliche kreative Dominanz“, wie der Lead-Academy-Vorsitzende Markus Peichl erklärt: „Das ,Zeit Magazin‘ deckt die gesamte Bandbreite des Magazinjournalismus ab, Reportage wie Modeproduktion, Essay ebenso wie die Servicegeschichte, Interview wie einfühlsame Hintergrundanalyse – und das auf einem unglaublich hohen Niveau.“ Daran habe laut Peichl, nicht nur die „herausragend gute Führungsriege mit einem glänzenden Gespür für das, was sich draußen tut“, Anteil, sondern auch ihr gut aufgestellter Autorenpool und die Korrespondenten-Mannschaft. Nicht zuletzt „ ein Verlagsmanagement, das diesen Leuten freie Hand lässt und die Voraussetzungen schafft, dass sie diese Freiheit auch mit Verve ausspielen können“, so Peichl.

Kritik, es seien ja immer wieder die gleichen Gewinner, lässt der Academy-Vorsitzende nicht gelten. Das „Zeit Magazin“ habe „auf der Erfolgsspur“ einen langen Atem bewiesen. „Warum sollen wir jemand bestrafen, nur weil er kontinuierlich gut ist?“, fragt er. Manche Magazinmacher wollen diese Messlatte nicht auf ihre eigenen Objekte anwenden lassen. Das „Zeit Magazin“ sei die Spielwiese der „Zeit“, da könne man sich die Experimentierfreude erlauben – zumal noch als Supplement, das sich nicht am Kiosk verkaufen müsse. Mit Blick auf die Auflage könnten andere in Sachen Kreativität nicht mithalten. „Das halte ich für ein Schutzargument, das nicht trifft und nur der eigenen Rechtfertigung dient. Ich bin der festen Überzeugung, dass die Qualität des ,Zeit Magazin‘ zu der bemerkenswerten Auflagensteigerung der ,Zeit‘ mit beigetragen hat“, erklärt Markus Peichl auf solche oft gehörten Einwände.

Die Leser überraschen

Oliver Gehrs, Chefredakteur von „Dummy“, sieht es ähnlich: „Die Leser zu überraschen, zu fordern, ist bei weitem kein Risiko. Diese Medienlandschaft neigt dazu, die Konsumenten zu unterschätzen und sie für dumm zu verkaufen. Im Gegenteil, es ist hohe Zeit, den Leuten thematisch, bildlich wie auch grafisch etwas zuzumuten.“ Oft würden bei ihm tolle Beiträge landen, die woanders abgelehnt wurden. „Weil in großen Verlagshäusern oft thematischer Proporz und der Druck der Quote herrscht, haben Independent-Magazine wie wir die Chance, etwas Ungewöhnliches zu drucken“, freut sich Gehrs.

Der Erfolg gibt „Dummy“ recht, denn das Themenmagazin gehört beim Lead Award zu den regelmäßigen Gewinnern. In diesem Jahr gab es eine Goldmedaille für die Fotostrecke „Aus dem Apparat“, die von Amsterdamer Polizeifotografen aufgenommen wurde, sowie Bronze für die Bildstrecke „Freie Bahn“, fotografiert von Mike Brodie. „Unsere Aufgabe liegt darin, Schätze zu heben und Fotografen zu präsentieren, die in Deutschland noch nicht so bekannt sind“, betont Oliver Gehrs: „Wir legen Wert auf Arbeiten, die eine gewisse Konsistenz und eine gesellschaftspolitische Aussage haben.“ Auch Markus Peichl unterstreicht die „ganz besondere Intensität und Güte“ der prämierten „Dummy“-Fotos. Mike Brodies Bilder seien „tief empfundenes und erlebtes Abenteuer“ mit einer besonderen Nähe, weil sie ein Mensch fotografiert habe, der selbst aus der Hobo-Szene stammt. Ebenso lobend hebt er die Tatortfotos von Schwerverbrechen aus Amsterdam hervor: „Sie werden in einer mutig gebrochenen Art und Weise präsentiert, mit der die Geschichte eine enorme Tiefe und Qualität erreicht“, findet Peichl, „das geht über einen oberflächlichen Gag weit hinaus, es ist vielschichtig und hat Substanz“. Es käme heute nicht mehr darauf an, besonders schräg zu sein, das habe sich inzwischen überholt. „Die Jury legt nicht nur Wert auf einen überraschenden Blick, sondern auf einen genaueren, einen tieferen Blick.“

Einen tiefen Einblick in den Alltag von US-Soldaten in Afghanistan liefern die Bilder von Tim Hetherington. Der mehrfach ausgezeichnete britische Kriegsreporter, der vor kurzem bei einem Mörserangriff im libyschen Misrata getötet wurde, erhielt die Goldmedaille in der Kategorie Fotoreportage. Er hat nicht nur wie üblich Kampfhandlungen dokumentiert, sondern zeigt auch die Eintönigkeit, die manchmal im Militärcamp herrscht. Und er beobachtete martialische Rituale, mit denen sich Soldaten ihre Zuneigung auf brutale Art und Weise zeigen. „Blood in, blood out“ nennen sie die oft blutig endenden Schlagattacken. Die Klasse von Hetheringtons Arbeit zeigt sich auch an der Dokumentation „Restrepo“, einem eindrucksvollen Film, den er im gleichnamigen afghanischen Außenposten mit dem Journalisten Sebastian Junger drehte. Ganz klar: Der Lead Award ist keinesfalls als posthum verliehener Ehrenpreis zu werten.

Umstrittene „Bild“-Ehrung

Eine andere Entscheidung der Lead-Award- Jury wird dagegen kontrovers diskutiert: Die Silbermedaille für „Bild“ und „Bild am Sonntag“ in der Kategorie Design. Die „taz“ titelte dazu: „Hauptsache die Verpackung stimmt.“ Autor René Martens stellt die Preisvergabe an die Art-Direktorin Veronika Illmer in Frage: „Unabhängig davon, ob Illmer nun eine visuelle Führerin ist und ob die tägliche ,Bild‘ als Zeitung überhaupt etwas zu suchen hat bei den Lead Awards, stellt sich die Frage, ob den Juroren der Inhalt, den Illmer seit zehn Jahren auf vermeintlich leader-mäßige Weise verpackt, eigentlich vollkommen egal ist.“

Markus Peichl kontert: „Das Argument, Boulevard dürfe beim Visual Leader nicht vorkommen, ist zu kurz gedacht und mit Vorurteilen behaftet. Die „Bild“-Zeitung ist nicht für ihre politische Ausrichtung ausgezeichnet worden, sondern für die sehr kraftvolle Gestaltung von Storys.“ Schließlich gebe es nicht nur Avantgarde- und Nischenmagazine, sondern auch Boulevard- und Massentitel. „Designer stellen sich der Aufgabe, den unterschiedlichen Heften ihrem Inhalt entsprechend ein adäquates, gutes Design zu schaffen – und das hat Frau Illmer hervorragend gemacht.“

Wolfgang Behnken, ehemaliger Art-Direktor des „stern“, heute Geschäftsführer eines Medienbüros, kritisiert das dagegen scharf: „Visual Leader – das bedeutet, ein Leitmedium geht allen voran. Aber unter den herausragenden Werken des Jahres die ,Bild‘-Zeitung zu finden, ist für mich unbegreiflich. Selbst nach intensiver Betrachtung, kann ich kein Argument für eine Auszeichnung finden. Auch wenn das Blatt sehr erfolgreich ist, rechtfertigt das keinen Preis.“

Bei aller Kritik zieht Wolfgang Behnken den Hut vor der LeadAcademy – und lobt ausdrücklich die Ausstellung der prämierten Arbeiten (s. Info) als „insgesamt grandios und jedem zu empfehlen“. Insgesamt beweisen die Lead Awards Bodenhaftung. Verkünstelte Attitüden, die früher schon mal gefeiert wurden, sind verschwunden. Die Bundesliga der Mediengestaltung zeigt sich lebensnah, verliert sich nicht in oberflächlichen optischen Spielereien.